Gestern beim Stricktreff

20. Mai 2011 | Von | Kategorie: Bücher, News

Beim Wollschaf auf der Zülpicher Straße fand gestern – wie fast jeden Donnerstag – der Stricktreff statt. Da Angela, die Inhaberin, seit kurzem schöne neue Lace-Garne von der Wolllust führt, hatte ich zur Anregung – neben meinem Strickkzeug, dem Cardigan – einige Strickbücher (A Gathering of Lace von Meg Swansen, Lace & Eyelets von Erika Knight und Knit Edgings and Trims von Kate Haxell) aus meiner Bibliothek zur Ansicht sowie die neueste Ausgabe der Knit dabei. Ergo: (zufällig) allesamt englischsprachige Titel – wie mir gerade erst aufgefallen ist.

Interessant waren die Reaktionen der anwesenden Frauen: Ah’s und Oh’s wurden bei Ansicht von „A Gathering of Lace“ artikuliert, begleitet von größer werdenden Augen und Ausrufen des Erstaunens und Entzückens. Als die Erste das Buch durchblätterte, zeigte sie begeistert quasi jedes Modell in die Runde, bevor sie zum nächsten weiterblätterte.

Ähnliches spielte sich bei den anderen Titeln und der Knit ab. Die Frauen vom gestrigen Stricktreff stricken seit mehreren Jahrzehnten (bis auf eine, die erst vor knapp zwei Jahren mit dem Stricken begonnen hat, dafür aber fast ausschließlich nach englischsprachigen Anleitungen strickt) und haben in der Vergangenheit sicher das eine oder andere Strickbuch in den Händen gehalten. Ich kann mich nicht erinnern – und das meine ich gar nicht wertend – solche begeisterten Reaktionen jemals bei einem Strickbuch eines deutschen Verlages erlebt zu haben.

Ich bin selbst noch einmal in mich gegangen (der Anteil deutscher Strickbücher in meiner Bibliothek liegt bei ca. 25 % – und ich meine nicht die ins Deutsche übersetzten) und habe mich gefragt, welches deutsche Strickbuch mich wirklich begeistert. Es ist genau eines: Socken aus aller Welt von Stephanie van der Linden, erschienen im Frech Verlag. Und ich bin keine nur-Socken-Strickerin…

Es ist völlig klar, dass der Anteil englischsprachiger Strickbücher, die z. B. über amazon.de erhältlich sind, den der deutschen Titel um ein Vielfaches übersteigt. Das Verhältnis liegt bei schätzungsweise 4,5 : 1. Der Markt potenzieller Leser englischsprachiger Bücher ist natürlich viel größer, unter anderem deshalb ist das Angebot auch größer.

Aber: Es wäre ja zu kurz gedacht zu sagen, dass die Wahrscheinlichkeit, unter tausenden von englischsprachigen Strickbüchern viele wirklich schöne Exemplare zu finden, aus diesem Grunde viel höher ist.

Was hindert deutsche Verlage daran, wirklich schöne und auch anspruchsvolle Strickbücher zu verlegen? Schön einerseits im Sinne von ansprechend fotografiert und gelayoutet – aber in erster Linie aus anspruchsvollen, herausfordernden und Lust machenden Modellen bestehend, die einem schon beim Durchblättern die Hände zittern und den Wollvorrat sichten lassen. Ein Strickbuch, dass modern aufgemacht ist – auch wenn es z. B. traditionelle Muster zeigt. Ein Strickbuch, das mit Liebe und Sorgfalt gemacht erscheint – dann zahle ich gern auch etwas mehr. Ein Strickbuch, das dem „Strickwahn“ der deutschen StrickerInnen Rechnung trägt. Ein Strickbuch, das ihre Leidenschaft fördert und ihre „Gier“ nach tollen Anleitungen und Anregungen befriedigt. Ein Strickbuch, das man in Ehren hält.

Das alles verstehe zumindest ich unter „schönes Strickbuch“.

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4 Kommentare auf "Gestern beim Stricktreff"

  1. … ein Strickbuch mit modernen, tragbaren, ordentlich sitzenden Klassikern, die man nach Vollendung auch am Körper haben/sehen will….

    seufz.
    Ich weiss schon, warum ich fast nur „auf Englisch“ stricke.

  2. Aber um auf Deine Frage zurückzukommen:
    es wäre interessant, sich die Verlage und ihre Strukturen einmal genauer anzusehen.
    a) erscheinen deutsche Strickbücher in „Strick-„Verlagen? oder sind sie eine Nische in einem weiter gesteckten Verlagsangebot?
    –mein Tipp: das würde vieles erklären…
    b) wer ist der Verleger/die Verlegerin? bzw. wer ist der/die betreuende Redakteur/in? strickt diese Person selbst? Gerne?
    –mein Tipp: wahrscheinlich nicht…
    c) Welche Auffassung hat der entsprechende Verlag/Redakteur(in) von der potentiellen Zielgruppe?
    Basiert das auf der Meinung, nur weil wir seit Jahrzehnten mangels Auswahl diese gräßlichen zeitschriften kaufen müssen, dass wir diese Muster schön finden? (ähnlich wie beim Quotenfernsehen?)
    –Mein Tipp: wahrscheinlich ja…

    Gesucht: Strickbegeisterte Designerin/Mode-interessierte Verlagsperson, die bereit ist, via Internet, blogs und Ravelry (deutsche und) internationale Designtrends nicht nur zu erkennen, sondern in hochwertiger Publikation ein Forum zu bieten.

    Kann ja so schwer nicht sein…
    :-)

  3. Michaela sagt:

    Hallo Martina,
    auch hier vollste Zustimmung.
    Wenn wenigstens die englischen (und gerne auch skandinavischen) Strickbücher übersetzt würden. Eine Reihe gibt es ja in deutscher Übersetzung, aber z.B. das „Gathering of Lace“ oder auch „Victorian Lace“ sind (glaube ich) nicht in deutsch erhältlich. Wie auch so viele andere wunderbare Strickbücher nicht.
    Vielleicht können wir Deutschen nicht so entwerfen, weil wir halt keine Engländer/Amerikaner/Skandinavier sind. Müssen wir ja auch nicht. Aber übersetzen können wir schon, bzw. die Verlage.
    LG.
    Michaela

    • Martina Hecht sagt:

      Liebe Michaela,

      die deutschen Strickdesigner müssen sich nicht verstecken – ich habe aber das Gefühl, dass sie versteckt gehalten werden oder sich selbst verstecken ;-). Sprich: Nicht so offensiv – wie z. B. die US-Amerikaner – Werbung in eigener Sache machen. Dazu kann man sie nur ermutigen!
      Liebe Grüße
      Martina

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