Marmo – Diva oder Zicke?

4. Juli 2011 | Von | Kategorie: Design, News, On my Needles

Zur Zeit stricke ich im Kundenauftrag einen kurzärmeligen Sommerpulli aus Marmo von Lana Grossa. Ich hatte die Wahl zwischen zwei Garnen: Ibiza, ein relativ breites Bändchengarn aus „gecrashter Baumwolle“ (70% Baumwolle, 30% Polyamid; LL 95m/50g; Nadelstärke 6 – 7) oder Marmo, von Lana Grossa als „Edelbändchen“ gelabelt. Ich entschied mich für letzteres, da mir Ibiza zu breit und glatt war und beim Ausprobieren vom Finger rutschte. Außerdem gefiel mir die Zusammensetzung von Marmo (30% Seide, 35% Baumwolle, 35% Viskose) besser. Die empfohlene Nadelstärke von 5 – 5,5 ( LL 100m/50g) galt es zu überprüfen; beim Anstricken schien mir eine 5er Nadel zu groß.

Meine Tests ergaben mit Nadelstärke 4,5 eine leicht gespannte Maschenprobe von 15 x 32 – zumindest in der Höhe etwas jenseits der Angaben von 17 x 24 auf der Banderole. Der Strick ist ziemlich elastisch, und ich habe das Läppchen nicht gewaschen und bin deshalb – insbesondere bei der Länge – gespannt, ob (und wenn ja, wie) sich die Maße noch verändern werden.

Martine hat das Garn hier schon einmal vorgestellt, einige Muster ausprobiert und sich zunächst für einen Rippenstrick aus verschränkten rechten Maschen entschieden.

Mir hingegen war von Anfang an klar, dass ich das Garn – bis auf ein wenig Perlmuster – glatt rechts verarbeiten würde. Zum einen, weil das Garn aufgrund seiner Farbigkeit, Struktur, Zusammensetzung und seiner sowieso schon vorhandenen „Strickoptik“ (das Bändchen ist ein eher ein gewebter Schlauch als ein klassisches Bändchen) für sich allein sprechen sollte – ohne, dass ein Muster von der mit dem Garn sozusagen „mitgelieferten“ wechselnden Kombination aus Material, Glanz/Stumpfheit, Glätte/Struktur ablenken oder das Modell gar überfrachtet wirken könnte. Hinzu kam, dass ich wenig Zeit für die Fertigstellung habe, und glatt rechts in Runden gestrickt geht immer noch am schnellsten. Schnell entstand eine Designidee für einen körperbetonten „kleinen“ Pullover mit ellenlangen Ärmeln und einem auffälligen Ausschnitt. Gefordert ist Größe 38 – das sollte recht zügig gehen.

Warum kann ich mich bei diesem Garn aber nicht entscheiden, ob es eine Diva oder eine Zicke ist?

Ich muss vorweg schicken, dass ich ungern mit unregelmäßigen Garnen stricke. Ich bevorzuge schön verzwirnte, glatte Garne mit wenig Flausch, die eine gleichmäßige Struktur und Haptik besitzen. Diese kann ich dann mit voller Lust „wegstricken“ – Zeit spielt bei mir aufgrund der Vielzahl meiner Ideen und UFOs immer eine relativ wichtige Rolle.

Dieses Garn jedoch ist in meinen Augen ein wenig sperrig. Weder gleitet es wie von Geisterhand über die Nadeln, noch kann ich es mit gleichbleibender Spannung stricken. Dass diese ganz generell wechselt, wird mir immer spätestens beim Stricken linker Maschen bewusst – diese stricke ich unabhängig vom Garn immer ein wenig fester.

Hier aber wechselt die Spannung je nach Struktur des Fadens: Mal wartet eine stumpfe, gleichmäßige und glatte Stelle darauf, durch eine Masche gezogen zu werden, mal ist es ein glänzendes und noch glatteres Stück Faden, ein drittes Mal müssen glänzender Faden mit eingewebten flachen Noppen verarbeitet werden. Auch verzeiht Madame Marmo Strickfehler nicht ohne weiteres. Trotz Elastizität hinterlassen aufgelöste und neu gestrickte Maschen manchmal unschöne Löcher, von denen ich hoffe, dass sie mit der ersten Wäsche verschwinden werden.

Marmo Garnstruktur: glatt-stumpf; glatt-glänzend, glänzend-noppig













Mit tun bereits schon jetzt – nach knapp 30 cm Rundenstrick – die Hände und Arme weh. Ein Zeichen von Anstrengung, ein Beweis dafür, dass ich dieses Garn nicht entspannt stricken kann. Ein Phänomen, das ich so noch nicht erlebt habe.

Das alles spricht für die Zicke in Marmo. Sie macht, was sie will, schert sich nicht um die, die sie liebevoll zu etwas Schönem verarbeiten will, tut ihr weh, lässt sie kämpfen und leiden.

Dennoch geht von Marmo eine gewisse Faszination aus. Das Strickbild hat eine interessante Struktur, es entsteht ein harmonisches Farbbild (Farbe 002 ist eine Mischung aus Flieder, Pink und einem gelblichen Beigeton) auch bei wechselnder Maschenanzahl, und trotz aller Sperrigkeit komme ich gut voran. Der Seidenanteil verleiht den nötigen Glanz, die Baumwolle hilft bei der Passform und erlaubt ein Tragen bei sommerlichen Temperaturen.

Marmo Strickbild

Marmo: schöner Farbverlauf, interessante Struktur













Das ist die Diva in Marmo, zu der ich auch mehr tendiere – den allmählich entstehenden eleganten Sommerpulli im Blick…

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7 Kommentare auf "Marmo – Diva oder Zicke?"

  1. Martine sagt:

    Hallo Martina,

    danke für den Link zu meinem Blog!

    Da ich gerade an meinem Marmo-Projekt arbeite, kann ich Deine Einschätzung noch ein wenig ergänzen, zumal auch ich normalerweise gern mit sehr regelmäßigen und gut verzwirnten Garnen stricke.
    Ich stricke sehr viel fester und dazu noch mit NS 4, so dass bei mir sowohl winzig kleine Maschen als auch ausladende Knötchen entstehen – ideal für meine Strickabsicht also, die die Kontinuität des Farbverlaufs brechen soll. Dadurch, dass ich, wie Tichiro-Tina so schön sagt „Bretter stricke“, ist das Löchleinproblem bei mir nicht gegeben, aber vielleicht wäre es bei einem Glattrechtsmuster anders.

    Was die Anstrengung durch die unterschiedliche Spannung betrifft, kann ich mich nur anschließen. Ich stricke das Garn gerade mal fünf Tage, und habe richtig Schulterbeschwerden bis in den Kiefer hinein, was mir normalerweise außer bei extrem schweren Projekten (Mäntel mit besonders dicken und schweren Garnen o.ä.) nicht passiert. Ich würde das so beschreiben, dass dieses Garn sehr viel Strickdisziplin erfordert und dahin gehend eben anstrengend ist. Außerdem empfinde ich das Gestrick auch als gewichtiger, als es durch die tatsächliche Knäuelzahl objektiv ist. Aber – und auch da hast Du Recht – das Ergebnis belohnt einfach. ich bin schon sehr auf Dein fertiges Projekt gespannt.
    Viele Grüße
    Martine

    • Martina Hecht sagt:

      Liebe Martine,
      sehr gerne!
      Ich tendiere auch zu festerem Stricken, in der Hoffnung, ein möglichst ebenmäßiges Strickbild zu erzielen. Jüngst las ich jedoch folgende Sätze von E. Zimmermann, die mich nachdenklich gemacht haben: […] „Tight knitters lead a hard and anxious life. They grab needles and wool so tight that great strain is put on their hand muscles, nay, arm, shoulder, and even neck muscles in extreme cases. They must let go from time to time, just to rest, and then resume knitting, with what looks a careworn expression, although they neither admit, nor, in most cases, believe this. The tight little stitches they make must be forced along their (right) needle, and more tight little stitches force up along their (left) needle, to be squeezed in their turn. […] If you are a habitually tight knitter, try to kick the habit. Loose knitting tends to make your stitches look somewhat uneven, but what of it? Are you trying to reproduce a boughten machine-made sweater? Besides, it is suprising, what blocking and a few washings will do to uneven knitting. […]“ (Elizabeth Zimmermann, Knitting without Tears, S. 6)
      Viele Grüße
      Martina

      • Martine sagt:

        Eine beeindruckende Beschreibung. Und so treffend…
        Ich denke, lockeres oder festes Stricken hat auch sehr viel mit den Charaktereigenschaften und Grundeinstellungen zu vielen Dingen zu tun. Perfektionisten (oder ängstliche, nervöse Menschen) stricken sicher fester, als Menschen, die eben auch die Dinge des Lebens lockerer sehen und nicht alles so ernst nehmen – könnte ich mir jedenfalls vorstellen. Und inwieweit man da aus seiner Haut kann und sich weiterentwickeln kann, ist eine andere Frage ;-)

      • Jana sagt:

        Hallo Martina,

        ein wunderbares Zitat…habe ich doch jüngst meinem Mann gegenüber genölt, dass mein aktueller Pulli, der in weiten Strecken glatt rechts gestrickt wird, soooo schrecklich ungleichmäßig aussieht. Mein Mann schaute mich an als sei ich vom anderen Stern und fragte, was denn bitte daran ungleichmäßig sei und dass ich mir dann doch direkt einen industriell hergestellten Pullover kaufen könnte…
        Ja, auch ich stricke fest, meist mit kleineren Nadeln und es soll perfekt sein. Da spiegelt sich tatsächlich der Charakter.
        Aber ich glaube fest daran, dass Stricken „den Charakter bildet“ und mir etwas mehr Entspanntheit beibringt und als ich kürzlich einfach mal einen Fehler im Gestrick einen Fehler sein ließ und mir sagte „Das macht die Jacke einzigartig“, war ich wahrhaft stolz auf mich….;-)
        Viele Grüße!
        Jana

        • Martina Hecht sagt:

          Liebe Jana,
          ich finde das Thema hochspannend und gehe davon aus, dass die Persönlichkeit mitbestimmt, wie fest oder locker wir stricken. Aber: Auch das Material redet mehr als ein Wörtchen mit: Das Arbeiten mit Lace-Garn ist beispielsweise eine wunderbare Möglichkeit, um einmal locker- oder loszulassen und weniger auf die Ebenmäßigkeit der Maschen zu achten als vielmehr auf ein insgesamt locker-luftiges Erscheinungsbild „hinzuarbeiten“. Lace-Garn provoziert geradezu, nicht jede Masche mit der gleichen Spannung zu stricken. Sei es, weil die durch Umschläge, Zu- und Abnahmen entstandenen Maschen naturgemäßig eine unterschiedliche Festigkeit besitzen. Sei es, weil mit Lace-Garn gestricktes in der Regel kein dichtes Gewebe, in der die einzelnen Maschen Zinnsoldaten gleichen, ergeben soll. Lace-Garn „verspricht“ dir sozusagen durch das sich anschließende Waschen und Spannen, dass sich das Strickbild sowieso ändern wird, dass Maschen, die zuvor ungleich oder vielleicht auch „ungelenk“ erschienen, auf wundersame Weise zusammen mit allen anderen ein tolles Strickbild ergeben. Somit ist es eigentlich unsinnig, sich beim Verstricken von Lace-Garn um Ebenmäßigkeit zu bemühen. Das kann beim Stricken ungemein entspannen ;-).
          Viele Grüße
          Martina

  2. […] Martina strickt Marmo !! Ihr Projekt findet Ihr in diesem Artikel […]

  3. […] dieser magisch sprechenden Werke bilden. In Martinas Blog hatte ich seinerzeit einen entsprechenden Kommentar hinterlassen, und an jenem damaligen Eindruck hat sich nach weit über 5000 Reihen nichts […]

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